Ab in den Süden …

Nachdem unsere beiden Ältesten ihre Traumziele erreicht haben, sind wir jetzt auf dem Weg nach Valencia. Nicht um in Urlaub zu fahren … sondern um unseren jüngsten Spross bei ihrem Championat zu unterstützen.

Die letzte Woche waren wir mehr auf der Straße als zu Hause. Gependelt wurde zwischen Aachen, dem Trainingslager der Junioren und Junge Reiter in Warendorf und Bad Homburg. Dabei unterstützten uns der Bundestrainer Hans-Heinrich Meyer-zu Strohen und die EM Teilnehmer, die uns geholfen haben, das Training mit Semmies Pferden rings um die festen Trainingszeiten in Aachen herum reibungslos zu gestalten. Danke an Rebecca und Anna-Lena, die so freundlich waren, ihre Reitzeiten für uns zu "opfern". Schade war es schon, dass wir als Eltern nicht bei dem traditionellen Abendessen dabei sein konnten. Aber das werden wir in Oliva Nova nachholen!

Semmies Stuten waren beide sehr gut drauf, und damit ging es wieder zurück nach Aachen, wo für Sönke etwas ganz Großes auf dem Spiel stand. Sein Traum war es immer schon, einmal in Aachen im Team zu reiten. Das war schon großartig, dass er mit seinem Cosmo tatsächlich nominiert wurde.

Aber wie es in unserer Familie halt immer ist: Wenn wir eine Chance sehen, geben wir uns nicht mit weniger zufrieden. Also … wurde gekämpft und die Latte höher gelegt. RIO stand jetzt für unsere Familie ganz oben auf unserer Liste.

An Olympischen Spielen teilnehmen zu dürfen, ist der Traum jedes Sportlers. Das haben wir zu Hause schon immer gesagt und unsere Traumerlebnisse an unsere Kinder weiter gegeben. Dennoch haben wir nie daran geglaubt, das wir unseren Kindern das wirklich ermöglichen könnten.

Jetzt, da wir so nah dran waren, wurde uns klar, wie greifbar es plötzlich war.

Zu Hause versuchten wir, es zu verdrängen und nicht darüber zu sprechen. Sönke sollte diesen Druck möglichst nicht auf Cosmo übertragen. Cosmo sollte weiter so behandelt werden wie ein ganz normales Pferd. Leider gelingt das nicht immer, da er uns seit seinem vierten Lebensjahr jeden Tag mitteilt, dass er etwas Besonders ist, und somit „sein“ Personal stets auf Trab hält.

Er hat seinen Tagesablauf schon immer selbst bestimmt :-))) Er entschied, wann er wieder aus dem Paddock wollte oder lieber geführt werden wollte als in der Führanlage zu laufen. Den Aquatrainer liebt er so sehr, dass er es genießt, ab und zu mal während des Laufens seinen ganzen Kopf unterzutauchen (nur im Wasser laufen ist doch ganz langweilig).

So war er und ist er noch immer. Mit Robbie hat er seinen Freund gefunden. Robbie liest ihm jeden Wunsch von den Lippen ab. Das gefällt ihm.

Nach Jerez und den überragenden Ergebnissen knapp unter der 80%-Marke beschloss ich, ihm Deinis Box zu widmen (die seit Deinis Tod von keinem anderen Pferd betreten werden darf). Diese überdimensionale Box wird rund um die Uhr mit einer Kamera überwacht und hat einen tollen Ausblick auf den Hof. Er hatte es jetzt verdient. So wurde Deinis Box eingestreut und für Cosmo fertig gemacht.

Alles kam anders. Cosmo gefiel diese übergroße Box und der Trubel vor seiner Box gar nicht! Er dachte es, wäre ein Longierzirkel oder ein kleines Paddock. Er sprang und quietschte rum. Zur Ruhe kam er gar nicht. Robbie hatte alle Hände voll zu tun. Durchgeschwitzt stand Cosmo da und schaute uns mit fragenden Augen an, wo denn seine kuschelige "kleine" Box geblieben wäre.

Nach zwei Tagen beschlossen wir, dass es keinen Sinn hatte, und brachten ihn zurück in den hinteren Stalltrakt neben Favo und zwischen die jüngeren und die Springpferde.

Deinis Box wurde sauber gemacht und wieder verschlossen.

Für uns stand ab diesem Tag fest, er wird weiter so behandelt, als wäre er nicht auf Olympia-Kurs. So bekam er, obwohl ihm sein bis jetzt größtes Turnier bevorstand, weiter seinen Auslauf und Ruhetage.

Schwierig, uns zurückzuhalten, da er mittlerweile enorm an Kraft gewonnen hat und somit nach einem Ruhetag seine Sprünge immer größer werden. Nicht ganz ungefährlich für Sönke. Am Schluss hatte wir mehr Angst, dass Sönke vor Aachen noch etwas zustoßen könnte.

Nach Balve hatte sich Cosmo nochmal richtig entwickelt, und wir freuten uns auf Aachen. Das erste Training in Aachen verlief sehr gut, und er kam super mit diesem Stadion zurecht. Die sieben Richterhäuschen sowie die Riesen Fernsehkameras interessierten ihn nicht. Man merkt dann schon, das er das schon mal gesehen hat.

Als es dann in die Prüfung ging, ließen ihn die vielen Zuschauer genauso kalt wie die Fotografen die ihn fast "abschossen" 🙂

Das Klatschen des Publikums vor seiner Prüfung hat ihn so gefreut, dass er sofort anfing zu piaffieren und mal eben zeigen wollte, was er mit neun Jahren alles schon kann.

Der Anfang des Grand Prix war vom anderem Stern … Wahnsinn!

Bis die Ecke kam, wo vor der Prüfung geklatscht worden war. Vor der Ecke setzte er an, Sönke versuchte noch, ihn mit seinem Bein aufzufangen, was Cosmo leider falsch verstand, und die Zweier waren damit hin. Auch die folgenden Lektionen waren nicht ganz fehlerfrei.

Schade, genau in seiner Paradedisziplin, dem Galopp, kamen die Fehler. Tja, so kann es auch gehen. Wie meinte Isabell hinterher ermutigend zu Sönke? Wer das Feuer liebt, muss den Rauch mögen.

Dennoch waren wir begeistert, diese Dynamik und trotzdem Losgelassen , das geht kaum besser. Wenn Sönke jetzt noch seine volle Aufmerksamkeit bekommen hätte…..Toll!

Freitag stand für Sönke keine Prüfung an, und so entschieden wir uns, Cosmo in Ruhe morgens auf Kandare zu trainieren. Er sah grandios aus. Er hatte den Grand Prix gut weggesteckt und war hochkonzentriert bei der Sache.

Für mich ging es anschließend sofort Richtung Bad Homburg, wo noch die Entscheidung getroffen werde musste, welche Rappstute die lange Fahrt über Lyon nach Valencia machen sollte. Das Abschlusstraining sollte es zeigen.

Wir fingen mit Daisy an. Einfach Spitze! Auch Geisha strengte sich richtig an. Damit wurde die Entscheidung nicht leichter. Sven wurde in Aachen angerufen, und es wurde intensiv diskutiert. Dann fiel die Entscheidung: Dissertation sollte dieses Mal beim Championat mit Semmie antreten. Risiko? Vielleicht; Geisha ist schon eine sichere Bank, aber … Daisy kann in unseren Augen, wenn alles stimmt, an die 80%-Marke laufen. Ein bisschen träumen darf man ja 🙂

Wir machen nie die einfachere Entscheidung. Wir möchten gefordert werden und brauchen diesen Reiz! Also nichts mit Urlaub im Süden, sondern von der ganzen Familie wird höchste Konzentration gefordert.

Wir freuen uns auf diese Aufgabe :-)))

Sanni ist so lieb und verzichtete auf ihren Start in der U25-Tour in Aachen, um während der Fahrt Semmie und Daisy zu unterstützen. So backte sie ihr eigenes Brot und versorgte sie die ganze "Mannschaft" während der langen Fahrt mit köstlichem Essen! Danke, Sanni :-)))

Inzwischen war ich schon wieder auf das Aachener Gelände in der Soers angekommen, und wir besprachen den Plan für Samstag. Cosmo sollte auf jeden Fall ruhiger reingehen, und lieber auf dem letzten Ausdruck verzichten. So wurde er zwei Mal rausgeholt. Während des Abreitens merkte man schon, dass er viel gelassener war.

Der Special fing sehr gut an, leider schlichen sich teure Fehler ein, die viele wertvolle Punkte kosteten. Schade … aber unser Ziel hatten wir intern erreicht.

Nachmittags sollte das Team für Rio bekannt gegeben werden. Sanni und Semmie riefen andauernd von unterwegs an, wie und wann es bekannt gegeben wird. Sie hatten im LKW eine Kerze angezündet, um Sönke mit Cosmo zu unterstützen.

Wir waren richtig nervös … hat es gelangt? Sind sie nicht zu jung? Klar, über Cosmos Qualität muss man man nicht diskutieren. Er ist einmalig und gehört eindeutig zu den besten Pferde der Welt!!

Dann fiel auch hier die Entscheidung: Sönke und Cosmo sind dabei!!!

Wahnsinn … wir können es noch gar nicht richtig fassen….

Genau zwanzig Jahre, nachdem wir als bislang einziges Ehepaar gemeinsam auf dem olympischen Posdium stehen durften und in Atlanta Teamsilber Medaille und Sven Bronze im Einzel gewannen, fährt unser Sohn zu den Olympischen Spielen!

Und das … mit einem selbst ausgebildeten Pferd, das erst neun Jahre alt ist (und wenn man bedenkt, dass er erst vor zwei Jahren seine erste S gelaufen ist)! Kaum zu glauben!

Und dann Sönke, der auch erst vor zwei Jahren durch Cosmo wieder Spaß an der Dressur bekommen hat und jetzt für Deutschland in Rio dabei ist. Man könnte fast einen Film draus machen, so unwahrscheinlich ist diese Geschichte.

Jetzt sitzen wir im Flieger; Cosmo und Favo haben wir gestern Abend heil nach Hause gebracht. Sönke bliebt noch in Aachen, nimmt weiter Pressetermine wahr und wird am traditionellen Abschied der Nationen teilnehmen.

28 Grad sind es in Valencia …

Die Sonne scheint durch das Flugzeugfenster und wir freuen uns auf unsere Mädchen!

Bis bald,

Gonnelien