Wie alle Pferdesportfans verfolgt auch unsere ganze Familie im Moment die Olympischen Spiele in London – vor allem jetzt während der Dressur. Wir reiten früh, damit wir pünktlich ab 12 Uhr per Livestream die Ritte anschauen können. Sven und ich sehen dabei nicht nur diese wunderbaren Ritte, sondern auch die ganze Arbeit, die dahintersteckt, bis man für Olympische Spiele nominiert wird.

Bei uns war es Atlanta 1996.
Das war unser Traum, als erstes Ehepaar in derselben Disziplin an Olympischen Spielen teilnehmen zu dürfen. Ich habe schon als Junge Reiterin von Olympia geträumt(für jeden Sportler ist es, glaube ich, das Schönste, was man in seiner Laufbahn erreichen kann). Als ich dann Sven kennengelernt habe, hatte er genau den gleichen Traum.
Sven trainierte morgens sehr früh, bevor er zur Uni ging; ich hatte drei Pferde zum Training mit nach Deutschland genommen. Mein Vater war fest davon überzeugt, das man nur in Deutschland die deutsche Gründlichkeit und diese Disziplin lernen konnte.
Es wurde jeden Tag fleißig trainiert … dann kam 1992 Sanneke zur Welt. Wir mussten uns neu organisieren; es war nicht in unserem Sinne, am gleichen Wochenende auf unterschiedlichen Turnieren unterwegs zu sein (Sven für Deutschland und ich für die Niederlande). Wir wollten gern als Familie mit unserer kleinen Tochter auf den gleichen Turnieren starten – auch, um uns gegenseitig besser helfen zu können. So kam Svens Wechsel in die Niederlande zustande, und wir kamen unserem Traum von Olympia deutlich näher.
Unsere Grand-Prix-Pferde wurde auf die Niederlande eingetragen, nur bei Ideaal gab es ein kleines Problem: Der Pass kam zurück mit einem Schreiben, dass dieses Pferd leider mit 20 Jahren nicht mehr für die Olympischen Spiele startberechtigt war. Aha, er war aber topfit :-))))
Das tat uns schon gut, das wir dieses Pferd das schon so lange (seit seinem siebten Lebensjahr) im Grand-Prix-Dressursport unterwegs war, in solch einer guten Kondition hatten halten können und quasi gar nicht gemerkt hatten, wie alt er schon war!
Ab jetzt wurden die Turniere systematisch geplant, d.h. welches Pferd wo und mit wem an den Start ging. Da wir mehrere Pferde hatten, haben Sven und ich die Pferde untereinander gewechselt, bis wir wussten, welches Pferd mit wem am besten ging.
Im Oktober 1994 bekam unsere kleine Familie wieder Zuwachs … Sönke wurde geboren. Sven trainierte damals meine Pferde, da ich nur bis zum dritten Monat geritten bin, weil für mich unsere Gesundheit (meine und die meines Ungeborenen) im Vordergrund stand. Da alles wunderbar verlief, fing ich nach der Geburt schnell wieder mit dem Training an. Ideaal war das richtige Pferd dafür.
Da kurz vor den Spielen im Dezember 1995 noch Weyden zu uns kam, stand es fest, das Sven versuchen wurde, dieses Ausnahmepferd in Atlanta an den Start zu bringen. Ich hatte die Wahl zwischen Olympic Bo oder Olympic Dondolo. Nachdem wir die Sichtungsturniere super abgeschlossen hatten, wurden wir mit Jonggor’s Weyden und Olympic Dondolo nominiert.
Wow, das gab es noch nie … ein Ehepaar in derselben Disziplin! Wir reisten viel nach Holland, es gab vieles zu erledigen … Kleideranproben, Interviews etc. …
Dann war es endlich soweit, die Pferde mussten nach Übersee fliegen, und wir waren in Atlanta in Quarantäne auf der Meadow Rich Farm bei Familie North. Aus dieser Zeit ist uns bis heute ein sehr guter Freund geblieben: „Unser“ Barry Dickinson, der uns immer noch in Bad Homburg besucht und ein großer Hackney-Fan ist.
Auch unsere zwei kleinen Kinder waren mit dabei. Wir wollten das Training jetzt vor Ort nicht ändern, uns nicht unter Druck setzen lassen, und unsere Kinder waren für uns genau die richtige Ablenkung. Die Pferde kamen erstaunlicherweise sehr gut mit der sehr hohen Luftfeuchtigkeit zurecht, die in Atlanta herrscht. Dann ging es endlich zu den Olympischen Spielen in das Equestrian Centre. Wir haben zwar in einem nah gelegenen Hotel gewohnt, aber wir wollten trotzdem unbedingt das Olympische Dorf besuchen … wow! Das war das „Olympia Feeling“! Franziska van Almsick und Carl Lewis liefen an uns vorbei … dann das Holland Heineken House, wo man sich abends immer traf und jede gewonnene Medaille feierte. Super Musik, super Essen, und es wurde viel gelacht; die Stimmung war klasse!
Auch nachdem wir (Anky, Tineke, Sven und ich) Silber gewonnen hatten, ging es also zum Holland House. Vor so vielen Leute auf das Podium zu gehen und gefeiert zu werden, hat mich nervöser gemacht als vor der ganzen Welt zu reiten … aber es war ein Traum, wir hatten wirklich das Gefühl, dass das ganze Land hinter unserem Team stand … auch das gehört zum „Olympia-Gefühl“!
Ein Teil der königlichen Familie war anwesend, und Sven fühlte sich nicht mehr so als „Ausländer“ im holländischen Team, nachdem er sich nett mit Prinz Claus unterhalten hatte, der ja auch gebürtiger Deutscher ist. Mit ihm unterhielt er sich auf Deutsch, aber Svens Holländisch war auch schon fast perfekt. Er hatte so einen sympathischen deutschen Akzent, und die Journalisten aus den Niederlanden fanden es großartig, wie gut er nach so kurzer Zeit die Sprache beherrschte.
Da es dann um die Einzelmedaillen weiterging und die Kür auf dem Programm stand, trainierte alles im Equestrian Centre fleißig weiter … nur Weyden durfte sich im von uns zum Paddock umfunktionierten Longierzirkel austoben, wie er wollte — er hatte einen freien Tag und sah am Ende (zum „Ärger“ unseres Pflegers) aus wie ein Streuselkuchen!
Wir waren schon nervös, weil alle anderen so fleißig waren, aber Sven blieb ganz cool und sagte, dass Weyden doch gar nicht weiß, dass er bei Olympia ist. Immerhin war es für dieses recht unerfahrene Pferd erst das sechste Turnier mit Sven. (In Rotterdam bei der EM haben Carl Hester und Charlotte es genau so gemacht, ihren Pferden zwischen den Prüfungen Freizeit gegönnt und trotzdem – oder gerade deswegen? — Medaillen gewonnen. Weniger ist manchmal einfach mehr!). Am Finaltag war Weyden jedenfalls Spitze drauf, frisch und richtig bei der Sache. Da er mit Sven einen wirklichen Kürspezialisten auf seinem Rücken trug, sahen alle der Prüfung ganz in Ruhe entgegen.
Ja!!! Es wurde Bronze! Gold für Isabell und Gigolo, Silber für Anky und Bonfire und Bronze für Sven und Weyden!
DAS war ein wahrer Traum!
In Holland wurden wir dann bei der Ankunft richtig gefeiert, und es gab eine extra Einladung der Königin der Niederlande in den königlichen Palast, das „Huis Ten Bosch“. Wir hatten das Gefühl, dass Olympia nie aufhören würde, wir sind von einer Veranstaltung zur nächsten geeilt. Zum Abschluss gaben meine Eltern, die uns unsere Pferde zur Verfügung gestellt hatten, eine Riesenparty!
Das war Atlanta … ob es ein nächstes Mal geben würde? Wer weiß?
Und ja, Sven schaffte es noch einmal mit Barclay zu den Olympischen Spielen. In Athen war die ganze Familie mit, diesmal mit Semmieke als Nesthäkchen.

Und heute … sitzen wir abends auf unserer Terrasse, sprechen über die Ritte, die wir tagsüber per Livestream gesehen haben, freuen uns über die Silbermedaille der deutschen Reiterinnen, aber auch über das verdiente Gold für das Team um Charlotte Dujardin und ihren außergewöhnlichen Valegro … und wissen, dass diese Reiter heute etwas erlebt haben, das sie von nun an immer begleiten wird. Herzlichen Glückwunsch – genießt London 2012!!!

 

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