Hallo,
es tut mir leid, dass Ihr so lange warten musstet, jedoch habe ich eine kurze Pause gebraucht 🙂
Die Europameisterschaft in Vidauban war eine ganz besondere. Ich merkte Donnerstags erst so richtig, wie es losging, weil ich davor viel zu sehr mit anderen Sachen beschäftigt war. Aber als es mir dann klar wurde, war ich sehr nervös. In meinem Kopf schwirrten tausende Gedanken und Fragen … Geisha und ich sind seit weniger als einem Jahr erst ein Paar, es ist für mich und Geisha das erste mal Junioren-Europameisterschaft, wie gut werden wir mit der Hitze umgehen können? Wie gut werden alle anderen sich zeigen? Hoffentlich enttäuschen wir keinen, da wir als Team so lange auf diesen Moment gewartet haben … Und so weiter.
Ich versuchte mich mit anderen Sachen und Gedanken abzulenken, um mich nicht selbst verrückt zu machen. Donnerstags waren Paulina und Kristin dran, und die beiden haben sich so toll präsentiert, dass ich wusste, ich hatte überhaupt keinen Druck, um das Team zu "retten" oder außerordentlich gut reiten zu müssen. Diese Situation hatte ich ja schon ein paarmal 🙂 da geht einem ganz schön die Sause. Zum Beispiel letztes Jahr in Millstreet mit Deini: Pfiiuuuuu das war echt ein absoluter Gänsehautmoment, als Deini und ich aus dem Viereck kamen und alle Tränen in den Augen hatten, da wir es geschafft hatten. Wir hatten Gold geholt! Diesen Moment werde ich nie vergessen.
Eine weitere Nacht verging, in der mich meine Gedanken lange wach hielten, aber ich freute mich auf den nächsten Tag. Ich hatte so ein Kribbeln im ganzen Körper – Euphorie, Wille und Lust aufs Reiten! Am nächsten Morgen war mir klar, in 12 Stunden wird alles entschieden und vorbei sein, aber ich hatte jetzt noch die Chance, zu diesem Ende und der Entscheidung beizutragen und mitzumischen.
Wie Ihr wisst, tat ich das auch. Geisha war in absoluter Top-Form, und wir kamen erstaunlich gut mit der Hitze und den Bedingungen zurecht. Jedoch zum Ende des Abreitens hin merkte ich, wie es anstrengend wurde. Der Starter vor mir war fertig, und ich musste rein. Ich sah in die Gesichter von Papa, Mama, Sönke und spürte Geisha unter mir atmen. Ich wusste, dass ich sie alle nicht enttäuschen wollte, da alle wussten, wieviel in Geisha und mir steckt, wir mussten es nur im Viereck zeigen. Als ich in das Hauptviereck einritt, spürte ich dieses eine Gefühl, das niemand jemals so fühlen wird. Dieses Gefühl, das einfach unbeschreiblich ist. Geisha nahm alle Kraft zusammen, atmete einmal tief durch und gab alles für mich. Ich kann nicht in Worte fassen, wie toll dieses Gefühl ist, wenn Geisha das macht. Unter meinem Frack hatte ich Gänsehaut.
Die Klingel des Richters läutete, und ich lobte Geisha noch einmal, ehe wir eingaloppierten. Ich ritt die Prüfung durch mit Mamas Stimme im Hinterkopf. Leider ist ein Wechsel misslungen, aber als wir auf die letze Mittellinie galoppierten, war mir das egal. Ich war so überwältigt von meinem Pferd und ihrem Charakter, von ihrer Ausstrahlung und davon, wie einzigartig sie ist. Einfach ein Pferd, das man so nur einmal im Leben bekommt, ein Geschenk von oben!
Nach dem letzten Grüßen wusste ich, dass mein Opa Holland und meine Oma Rothenberger so stolz auf mich wären, wenn sie noch unter uns wären und das mitbekommen hätten. Geisha wusste auch, dass sie einen genialen Job gemacht hatte, als sie entspannt aus dem Vierreck lief. Papa und Mama waren mehr als zufrieden, genau so wie Sönke (der sonst immer sehr kritisch ist:) )! Herr Meyer-zu Strohen kam zu mir und klopfte mir auf den Oberschenkel, er war auch stolz auf unsere Leistung. Mehrere Holländer kamen und meinten, was für ein tolles paar Geisha und ich sind – Geisha mit ihrem lackschwarzen Fell und ich mit meinen langen Beinen.

Erstmal kümmerten wir uns um Geisha und versorgten sie nach … als dann Prozente kamen, WOW, was war ich baff. Das alles hatte ich nur meinem Pferdchen und meinem ganzen Team (Mama, Papa, Sanni, Sönke, alle Pfleger und Helfer auch zu Hause etc.) zu verdanken.
Am Ende des Tages hatte ich noch die Höchstpunktzahl der ganzen Prüfung. Das hatten wir weder erwartet noch geträumt, als wir nominiert wurden für die EM. Alles, was die nächsten Tage noch kommen würde, war das Sahnehäubchen obendrauf, wie Papa immer so schön sagt.
Die Einzel stand an, und wir wussten alle, heute würde es schwierig werden. Wir waren genau in der Mittagshitze von Vidauban dran und mussten das beste daraus machen. Die Hitze machte mir echt zu schaffen, während Geisha noch recht viel Kraft beim Abreiten hatte. Meine Beine zitterten schon als ich Schritt ritt, aber ich habe mir selber geschworen, ich reiße mich zusammen. Wir waren dran und es war wirklich heiß!!! Geisha gab ihr Bestes und half mir an einigen Stellen, aber mir machte die Hitze echt zu schaffen, auch während der Prüfung. Natürlich führte das dazu, dass sich einige Fehler einschlichen, die wir sonst wohl nicht gemacht hätten. Naja wir waren umso zufriedener mit unserer Silbermedaille, da wir wirklich gekämpft haben! Als jüngste Deutsche hatte ich es geschafft erneut eine Medaille zu gewinnen. Was für ein geniales Gefühl, zudem wissen wir, dass noch so viel in uns steckt und dass Geisha und ich noch so viel vor uns haben 🙂

Und: Drei Deutsche auf dem Podest! WOW, das hatte ich noch nie miterlebt. Was für ein besonderes Gefühl es ist, wenn dein Name ertönt und du aufs Podest steigst, während deine Fans jubeln. Einfach nur toll.
Die Kür stand an, und ich war so nervös wie fast noch nie. Die Kür war neu gestaltet, und ich hatte sie erst am Freitag bekommen, das heißt, ich hatte sie noch nie geübt oder geritten. Das passiert bestimmt auch nicht so oft, dass man die Kür das erste mal auf einer Europameisterschaft reitet. Naja, jetzt war es nun mal so … Und wir gaben unser Bestes. Ich hob die Hand hoch als Zeichen für "Musik an", und los ging es mit dem Gesang von Bryan Adams: "Here I am!" Ich hatte mal wieder Gänsehaut, und mir wurde in dem Moment alles klar. Ich sagte mir selbst: Semmie, du bist jetzt so weit gekommen mit deinem schwarzen Panther, und jetzt bist du hier. Hier auf der EM. Ihr seid beide hier und habt schon so viel erreicht, also genieße es, denn diesen Moment hast du nur einmal im Leben. Macht euch alle gefasst, hier kommt das hübscheste Pferd angaloppiert! HERE I AM!!!
Geisha gab mal wieder alles für mich und ich alles für sie. Die letzte Mittellinie stand an und ich dachte mir was soll’s, ich muss den Moment nutzen, also zog ich die Hand und ritt die Trabverstärkung einhändig. Unnnnd Gruß! Wir hatten alles gegeben, und dafür, dass wir die Kür das erste mal geritten sind, war es genial.
Die Punktzahl kam raus … Yes, wir haben die 80% geknackt! Ich flog Geisha um den Hals, ich wusste gar nicht, wie ich mich bei ihr für alles bedanken sollte! Doch wir wollten uns noch nicht zu früh freuen, denn es kamen noch einige Paare. Als dann der letzte Reiter einritt, wurde ich doch nervös. Die Spanier hatten am Tag zuvor schon gesagt, dass ihnen diese Medaille sicher wäre, und so war es auch. Schade für mich, da es so knapp war, aber das änderte nichts an meiner Freude! Einfach WOW. Ich als "frisch gebackene" Juniorin stand auf dem Podest neben zwei Reitern, die schon nebenbei U25 reiten. Ich konnte mich gar nicht mehr einkriegen, dass ich es geschafft hatte, ein drittes Mal auf dem Podest zu stehen!
"Damit erfolgreichste Juniorin" sagte der Ansager, und da wurde mir erst richtig klar, was Geisha und ich erreicht hatten.
Klar gibt es Neider, die sagen, dass der Name Rothenberger mich aufs Podest getragen hat, aber ich will doch meinen, dass ich mir diesen Namen auch für jeden sichtbar verdient habe 🙂 Man muss sich auch einen solchen Namen erstmal verdienen, das ist nun einmal so. Es hat sich ja schon bei anderen gezeigt, dass ein Doppelname einen nicht weiter bringt, sondern nur hartes Training, der Wille, Schweiß und Passion. Ich habe zusammen mit meinem ganzen Team zu Hause viel trainiert und für diesen Erfolg gekämpft. Es war nicht immer einfach, aber wir haben unser Ziel niemals aus den Augen verloren und immer versucht, aus Kritik zu lernen und an uns selbst zu arbeiten. Auch jetzt hören wir nicht auf, an uns zu arbeiten, denn es gibt noch einiges zu verbessern.

Aber das ist auch gut so, denn wenn wir perfekt wären, wäre es ja langweilig für uns alle 🙂 Beim Reiten hat man es nun mal mit einem Lebewesen zu tun, und Geisha hat mir auf der EM mal wieder gezeigt, dass das den Erfolg noch viel schöner macht als wenn es ohne wäre. Beim Reiten hat man einen Freund, Partner, Teamkollegen und noch vieles mehr in einem.
Geisha ist echt ein Geschenk von oben!
Zuhause angekommen standen meine Ponys startklar, vielleicht in der Hoffnung, nach Malmö zu fahren! Mit dem Wissen, dass beide es echt locker geschafft hätten, zerreißt es mir doch ein wenig das Herz, sie daheim lassen zu müssen – vor allem Deini schielt immer sehr gespannt auf den LKW, wenn er für ein Turnier beladen wird. Trotzdem bereue ich nicht, dass ich mich für die Junioren entschieden habe.
Kurzfristig flogen wir für einen Spontanurlaub nach Capri und genossen die Weite und das Meer.
Zurück von einem erholsamen Urlaub, standen meine drei wieder bereit fürs Training. Alle drei liefen genial. Besonders Deini, also beschäftigte ich mich mit dem Gedanken, in zwei Tagen doch noch an den Hessischen Meisterschaften teilzunehmen. Jedoch haben wir uns dann dagegen entschieden, da zwei Tage nicht genug Training waren. Trotzdem stand die Hessische an, nur diesmal war ich als Zuschauer dabei.
Es war schön zu sehen, dass einige Ponyreiter meinen "Glitzer-Trend" weitergeführt haben 🙂
Dann habe ich noch Goldi wiedergesehen und mich sehr über ihren Reserveplatz für Malmö gefreut. Toll!
So, jetzt blicke ich mit einem Lächeln auf die EM zurück und freue mich auf die Zukunft!

Semmie