Philosophie

ph1Es gibt wohl keine andere Sportart, die täglich so viel Bewegung in die grauen Zellen bringt und in der man bis ins Alter so viel dazulernen kann wie im Reitsport. Natürlich wäre es unehrlich zu leugnen, dass man bessere Karten hat, wenn man kostspielige Pferde kaufen und auch Geld in optimale Trainings- und Haltungsbedingungen investieren kann. Das lässt aber nicht den Umkehrschluss zu, dass man sich Siege kaufen kann: Wer im Viereck dauerhaft Erfolg haben will und vor allem auch im Alltag in den Genuss der Freude kommen will, das Potential eines Pferdes zur vollen Entfaltung zu bringen, der muss ständig daran arbeiten. Championats-Medaillen zu sammeln, ist eine großartige Erfahrung, und natürlich sind wir stolz auf das, was die inzwischen zwei Generationen reitender Rothenbergers im Viereck und im Parcours geleistet und an Edelmetall zusammengetragen haben. Genau so natürlich stecken wir bzw. inzwischen unsere Kinder sich immer neue Ziele, die sie dann auch verwirklichen wollen. Aber wer so viel Zeit wie wir mit Pferden verbringt, wer so viel „Gehirnjogging“ darauf verwendet, den besten Zugang zu immer neuen Pferden zu finden und wer vor allem auch weiß, dass das tägliche Training natürlich wichtig ist für die Fitness der Pferde, dass aber viel mehr dazu gehört, ein Pferd wirklich bei Laune zu halten … der wird uns glauben, dass für uns nicht nur das Ziel zählt, sondern genau so auch der Weg dahin. Diesen Weg hat Carl Hester 2011 beim Global Dressage Forum mit den Worten beschrieben: „Mit dem Reiten ist es nicht getan – das Ganze ist ein Fulltime-Job.“

Haltung

Noch in den Sechziger Jahren war es völlig normal, Pferde in fensterlosen 9-Quadratmeter-Boxen zu halten, die sie nur zum Reiten verließen. Die Sonne bekamen viele Pferde höchstens auf Turnierplätzen zu sehen. Inzwischen hat sich da viel geändert – die Boxen sind größer geworden, die Ställe luftiger, Fensterboxen sind eigentlich normal, und die Entwicklung geht immer weiter: Oft ermöglichen die Boxen dem Pferd direkten Zugang zu seinem eigenen kleinen „Balkon“, und auch für Sportpferde wird das tägliche „Seele baumeln lassen“ auf dem Paddock oder auf der Weide immer üblicher. Dabei kommt es auch in unserer Familie immer noch zu Diskussionen, wann man die Pferde nicht doch besser vor dem Wetter verschont oder vor sich selber „schützt“. Sven ist hier oft eher der Vorsichtige; Gonnelien ist der Überzeugung, dass ein Pferd, das einen Hüpfer auf der Weide nicht übersteht, auch keine Galopp-Pirouetten aushalten wird – und gemeinsam finden wir immer wieder unsere Linie, denn letztlich zeigt es sich doch, dass unsere Pferde ausgeglichener sind, wenn sie regelmäßig rauskommen.

Training

Je mehr sich ein Pferd bewegen kann, desto gesünder. Das bedeutet aber nicht, dass für ein Pferd zwei Stunden Dressur-Drill täglich besser sind als eine. Pferde sind Spielkinder; ihre Lust auf das Zusammen-Spiel machen wir uns zunutze, indem wir sie Lektionen lehren – aber wir achten auch darauf, dass dabei keine Langeweile aufkommt. Natürlich trainieren wir konsequent auf unsere sportlichen Ziele hin, aber auch dabei schreiben wir die Abwechslung groß. Dazu zählen Tage, an denen wir longieren, genau so wie Schrittrunden im Gelände vor oder nach dem Reiten oder mal eine ordentliche Galopp-Runde auf dem Springplatz. Das macht den Kopf frei – bei Pferd und Reiter. Übrigens: Sven hat 1996 vor den Augen seiner verwunderten Kollegen bei den Olympischen Spielen in Atlanta seinem Weyden am Tag vor dem Finale frei gegeben – und Einzel-Bronze gewonnen. Weniger ist oft tatsächlich mehr.

Motivation

Kaum irgendwo wird so viel und so gern getuschelt wie im Pferdesport. Es gibt viele Leute, die meinen, erstaunlich gut über uns und unsere Kinder Bescheid zu wissen – und die angesichts unserer Erfolge vergessen, dass wir eine ganz normale Familie sind. Dass es anfangs weniger die Aussicht aufs Medaillensammeln als vielmehr die schicke Kaderjacke ihrer Freundin war, die Sannekes reitsportlichen Ehrgeiz geweckt hat. Dass wir bei den ersten Starts unserer Kinder genau so nervös waren wie andere Eltern bei der ersten E-Dressur ihrer Sprösslinge – und wir auch heute noch bei Premieren und wichtigen Prüfungen meistens aufgeregter sind als unsere Kids. Und dass wir uns auf Turnieren nur deshalb manchmal etwas abseits halten, weil wir uns ganz auf die anstehenden Aufgaben konzentrieren möchten – feiern können wir später. Genau so wenig wie unsere Pferde „drillen“ wir unsere Kinder. Es ist Sanneke selbst, die sich jedes Jahr neue sportliche Herausforderungen überlegt, weil sie einfach keine Lust hat, sich auf ihren Lorbeeren auszuruhen. Es war Sönke, der all seinen Dressur-Erfolgen zum Trotz beschlossen hat, lieber ganz von vorn anzufangen und sich im Parcours zu versuchen. Und es war Semmieke, die 2010 beim Preis der Besten am Rand des Pony-Dressurvierecks stand und sagte: „So möchte ich das auch einmal können.“ Seitdem rattern die Zahnrädchen in ihrem Kopf; sie saugt alles auf wie ein Schwamm, und wer beobachtet, wie schlau und blitzschnell sie umsetzt, was man ihr sagt, und es sofort auch auf anderen Ponys anwenden kann, der weiß, dass das nicht mit Druck geht. Unsere Motivation ist die Freude, wenn’s „klappt“ — wenn der Lohn dafür außerdem Medaillen sind, um so schöner!

Alles klassisch oder was?

Seit Jahren tobt in der Dressur der Grabenkampf zwischen den „Holländern“ und den „Deutschen“, und die klassisch orientierten Reiter verurteilen das holländische System – ohne es wirklich zu kennen. Als deutsch-niederländische Familie haben wir die Anführungszeichen bei den beiden Nationen ganz bewusst gesetzt, denn wir kennen beide Welten, und es ist nicht die eine schwarz und die andere weiß. Genau so wenig, wie man das Reiten nach den Richtlinien auf „vorne ziehen, hinten quetschen“ reduzieren darf, geht es bei den Niederländern wirklich um die sogenannte „Rollkur“.
Wer die beiden Ausbildungswege wirklich vergleichen will, der muss nach ihren Zielen fragen – hier offenbart sich der fundamentale Unterschied, denn richtig gemacht, strebt der klassische Weg eine möglichst kooperative Partnerschaft zwischen Reiter und Pferd an, ein „weg von der Hand“. Die niederländische Reitmethode ist im Grundsatz simpler; hier geht es um die vollkommene Kontrolle über das Pferd mit Hilfe von Gas (Bein) und Bremse (Hand). Bei beiden Methoden gibt es strahlende und weniger strahlende Beispiele, gibt es Reiter, die wissen, was sie tun und warum – und solche, die nur nachäffen, ohne das Prinzip verstanden zu haben.  Was uns an der ganzen Diskussion stört, sind die verhärteten Fronten: „Wer anfängt aufzuhören, hört auf anzufangen“, ist einer von Svens Leitsätzen. Lange Jahre waren die deutschen Dressurreiter weltweit das Nonplusultra; wer im Ausland Ambitionen hatte, kam nach hier, um von den Besten zu lernen. Auch Gonnelien ist deshalb nach Deutschland gekommen – und geblieben. Deutschland ist immer noch weltweit das einzige Land mit einer schriftlich festgelegten Reitlehre, die aus einem Jahrhunderte alten Erfahrungsschatz entstanden ist. Doch in den letzten zwei Jahrzehnten sind die anderen Nationen aus ihrer respektvollen Starre erwacht; sie haben angefangen, nicht nur das deutsche System zu kopieren, sondern auch, über den Tellerrand hinwegzublicken, während sich Deutschland auf seinen Lorbeeren ausruhte. Gerade in den Niederlanden fing man an, mit Verhaltensforschern zusammenzuarbeiten, sich das Mentaltraining zunutze zu machen und zu schauen, was man auch von anderen Sportarten lernen konnte. Diese Beweglichkeit im Kopf braucht der Reiter genau so wie das Wissen über die Skala der Ausbildung. Wer glaubt, er kann alles, wer glaubt, er weiß alles, der hat in der Tat den Anfang vom Ende erreicht, denn im Reitsport lernt man nie aus – weil jedes Pferd anders ist, jedes Paar anders zusammenpasst (oder auch nicht), weil es immer wieder neue Ideen gibt, die auszuprobieren sich lohnt. Wir stehen mit voller Überzeugung hinter der klassischen Reitlehre. Mit genau derselben Überzeugung halten wir aber auch die Augen offen, hören bei Lehrgängen genau zu, probieren wir neue Dinge aus – nicht, weil wir meinen, dass ab und zu ein neues „System“ her sollte. Aber weil wir glauben, dass unsere Pferde nur davon profitieren können, wenn wir immer wach und neugierig bleiben.